Henriette Hardenberg, eine nicht mehr ganz vergessene jüdische Dichterin

Wir werden (1913)

Wir werden herrlich aus Wunsch nach Freiheit.
Der Körper dehnt sich,
Dieses Zerrende nach geahnten Formen
Gibt ihm Überspannung.
Schwere Hüften schauern sich zu langem Wuchse.
Im Straffen beben wir vor innerem Gefühl —
Wir sind so schön im Sehnen, daß wir sterben könnten.

Henriette Hardenberg wurde am 05. Februar 1894 als Margarete Rosenberg in Berlin geboren. Sie war eine der wenigen Frauen, die als expressionistische Dichterin Anerkennung fand, allerdings gelang ihr der Durchbruch zu einem breiteren Publikum in den 1920er Jahren nicht. Mit Rilke und Johannes R. Becher befreundet, war sie zeitweise mit dem Schriftsteller Alfred Wolfenstein verheiratet. In Anthologien expressionistischer Lyrik (z.B. Peter Rühmkorf (Hg.), 131 expressionistische Gedichte, Berlin 1976; Sylvio Vietta (Hg.), Lyrik des Expressionismus, München/Tübingen 1976) ist sie nicht vertreten. Dort repräsentiert einzig Else Lasker Schüler den weiblichen Expressionismus.

1937 musste Hardenberg nach England fliehen. Sie lebte fast 60 Jahre in London im Exil, in das sie sich einfügte, an dem sie aber als „Ort der Flucht und Heimatferne stetig litt“ (Hartmut Vollmer). In dieser Zeit veröffentlichte sie nur noch wenig, schrieb aber im Verborgenen weiter. Ihre Wiederentdeckung durch Hartmut Vollmer, der 1988 ihre Dichtungen herausgab, konnte sie noch erleben. Am 26. Oktober 1993 starb sie in London, wenige Monate vor ihrem 100. Geburtstag. 1994 erschien Südliches Haus. Nachgelassene Dichtungen.

Lit: Hartmut Vollmer, Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur (Stuttgart 2000), S. 200-202

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