„Liebe Deinen Nächsten“

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, einer der Hauptvertreter des sogenannten „Neuen Atheismus“, schreibt in seinem populärwissenschaftlichen Werk „Der Gotteswahn“: „‚Liebe deinen Nächsten‘ bedeutete nicht das, was wir heute darunter verstehen. Es hieß nur ‚Liebe einen anderen Juden‘.“ (S. 351-352) Man möchte Dawkins sagen: Schuster, bleib bei deinem Leisten!

Der Ausdruck „Liebe deinen Nächsten“ geht zurück auf Leviticus 19,18: „Du sollst dich nicht rächen und nichts nachtragen den Kindern deines Volkes, sondern deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Ich bin der Ewige.“ In Leviticus 19,34 heißt es dann: „Wie der Eingeborene unter euch sei euch der Fremdling, der bei euch weilet, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn Fremdlinge waret ihr im Lande Mizrajim. Ich der Ewige bin euer Gott.“ Nach Vers 18 ist der Adressat der Liebe der Nächste, ein Kind des eigenen Volkes. Vers 34 aber weitet das Gebot aus auf die Angehörigen der Fremdvölker, die den Kindern Israels gleichen. Nächstenliebe und Fremdenliebe sind Juden in gleichem Maße geboten!

Raschi, der bedeutende französische Bibel- und Talmudkommentator (11./12. Jahrhundert), begründet in seiner Auslegung zu Leviticus 19,34 das Gebot der Fremdenliebe mit den Worten „ich bin dein Gott und sein Gott.“ Er bezieht sich dabei auf die Wendung „Ich der Ewige bin EUER Gott.“ Auffällig ist, dass es hier heißt „euer Gott“. Schaut man etwa in den Dekalog, so steht dort aber im Hinblick auf Israel der Singular: „Ich bin der Ewige, DEIN Gott“ (Exodus 20,2). Der Kommentar Raschis beruht auf der genauen Beobachtung des Textes im Vergleich mit ähnlichen Formulierungen an anderer Stelle. Im Dekalog ist Israel im Singular angesprochen. Hier in Leviticus 19,34 aber wird der Plural verwendet, der nach Raschi die Gemeinsamkeit von Israel mit den anderen Völkern aus der Sicht Gottes beschreibt: Ich bin Gott für dich und für sie!

Ja, Juden leisten durch ihre bedeutende und reichhaltige Tradition einen gewichtigen Beitrag im Hinblick auf religiösen Dialog, kulturellen Austausch und Einsatz gegen Rassismus. Das sollte auch Richard Dawkins begreifen.

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