Die Rekonstruktion der Virtuellen Synagoge durch mxr storytelling beginnt mit einer ungewöhnlich schwierigen Ausgangslage: Von der 1938 zerstörten Alten Synagoge sind nur wenige belastbare Quellen erhalten. Entscheidend waren deshalb die systematische Auswertung der Hausakten im Institut für Stadtgeschichte, die lediglich rund 180 Seiten umfassen, aber drei zentrale Bauzeichnungen enthalten. Diese Grundrisse und Ansichten wurden maßstabsgerecht digitalisiert und in ein 3D-Modell übertragen. Das Team legte die unterschiedlichen handgezeichneten Pläne übereinander, verglich Maße, korrigierte Widersprüche und arbeitete sich Schritt für Schritt an eine plausible Gebäudehülle heran.

Parallel dazu mussten alle fotografischen und bildlichen Quellen neu bewertet werden. Es existieren nur wenige Aufnahmen: eine Postkarte, eine frühe Straßenansicht, ein einziges Foto vom Abbruch nach dem Pogrom und eine Gedenkmünze zur Einweihung. Die Münze erwies sich trotz begrenzter Detailtiefe als wichtig, weil sie die charakteristischen Türme, die Kuppeln und die Fassadenstruktur erkennbar zeigt. Die kolorierte Postkarte erlaubte Rückschlüsse auf Ziegelarten und Farbkontraste, wenngleich man berücksichtigen musste, dass die Koloration nachträglich erfolgte und damit nicht vollständig zuverlässig ist.

Ein weiterer Baustein war die Baubeschreibung des Architekten Peter Zindel. Darin sind Materialangaben wie Falzziegel, Zierbänder, Mettlacher Tonfliesen oder bestimmte Steinlagen aufgeführt. Diese Begriffe mussten recherchiert und in moderne digitale Materialien übertragen werden. Um die Materialität besser einschätzen zu können, wurde zudem das Werk des Architekten ausgewertet. Zindel baute keine weiteren Synagogen, aber mehrere Kirchen im Ruhrgebiet. Insbesondere die St.-Josef-Kirche in Schalke zeigt verblüffende Parallelen in Fassadenstruktur, Ziegelmuster und dekorativen Mosaikbändern. Das half, stilistische Entscheidungen abzusichern, wo die Quellenlage lückenhaft ist.

Unterstützend kamen Fundstücke aus der Baugrube der heutigen Neuen Synagoge hinzu. Einige der geborgenen Steine und Fragmente passen in Maße und Erscheinung zu den historischen Darstellungen. Sie wurden dreidimensional erfasst, geprüft und vorsichtig als mögliche Referenzen einbezogen – mit der klaren Einschränkung, dass nicht jeder Fund zweifelsfrei dem ursprünglichen Bau zugeordnet werden kann.

Diese Quellen wurden schließlich in ein digitales Konstruktionsmodell übertragen. Das Modell bildet die äußere Architektur zentimetergenau nach, basierend auf den historischen Plänen, ergänzt durch wahrscheinliche Material- und Farbschemata. Das Ziel war keine museale Rekonstruktion im bautechnischen Sinn, sondern ein visuell stimmiges und quellenbasiertes 3D-Objekt, das auch für zukünftige Erweiterungen geeignet ist. Aus diesem Modell wurde eine Augmented-Reality-Version abgeleitet, mit der sich die Synagoge per Smartphone im heutigen Stadtraum betrachten lässt.

Der Innenraum ist bewusst noch nicht rekonstruiert, weil hier die Quellenlage besonders dünn ist. Eine vollständige, quellenkritisch vertretbare Ausarbeitung würde neue Recherchen erfordern: liturgische Ausstattung, Farbgebung, Möblierung, Raumaufteilung. Diese zweite Phase ist geplant und soll nach demselben Prinzip erfolgen – erst historische Präzision, dann digitale Umsetzung.

So verbindet das Projekt quellenkritische Archivarbeit und digitale Technik: Die Rekonstruktion soll nicht erfinden, was man nicht weiß, sondern das sichtbar machen, was belegbar ist – und dort, wo Lücken bleiben, mit begründeten Annahmen arbeiten, nie mit Fantasie.